Sollte der Besuch von NS-Gedenkstätten wie Buchenwald oder Auschwitz zum Pflichtprogramm  für Schüler allgemeinbildender Schulen werden?
Die Frage stellen sich nicht nur Politiker wie z.B. der Präsident der Kultusministerkonferenz Helmut Holter, sondern auch Schüler unserer Schule. Felix Pietschmann aus der Klassenstufe 11 legt in seiner Erörterung seine persönliche Position mit überzeugenden Argumenten dar:


Vor einigen Jahren besuchte ich mit meinen Eltern Berlin. Dort besuchten wir auch das Holocaust-Mahnmal, welches sich in der historischen Mitte Berlins befindet. Auch wenn es schon einige Jahre zurückliegt, kann ich mich erinnern, dass meine Eltern mir erklärten aus welchem Grund diese knapp 3000 Beton-Stelen dort errichtet wurden und sie unterrichteten mich ebenfalls, wie ich mich dort zu verhalten habe. Ich weiß noch heute, wie aufgebracht meine Eltern schon damals waren aufgrund des Verhaltens vieler Personen. Eltern, die ihre Kinder zwischen den Stelen „Verstecken“ spielen ließen oder Jugendliche, die auf den Blöcken geschmacklose Selfies schossen sind nur einige Beispiele. Vor einigen Monaten wurde ich mit diesem Thema erneut konfrontiert, als ich einen Artikel über den in Berlin lebenden Künstler und Satiriker Shahak Shapira las. Dieser erhielt mit seiner Aktion „Yolocaust“ viel Zuspruch, erntete aber auch einiges an Kritik. Für diese Initiative bearbeitete er Selfies oder selbstdarstellerische Fotos, am Mahnmal geschossen, indem er im Hintergrund historische Fotos des Holocaust platzierte. Somit posiert man unter Umständen nicht mehr vor dem Mahnmal, sondern vor einem Haufen Leichen oder abgemagerten Häftlingen. Ein zugegebenermaßen drastisches Mittel, jedoch ein, meiner Ansicht nach gelungener Ansatz, um die Gesellschaft für diesen bedeutenden Teil der Geschichte zu sensibilisieren. Denn all das zeigt, in welchem Maße das Thema Holocaust bereits aus unseren Köpfen verdrängt wurde. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob es erfolgsversprechend ist den Besuch einer NS-Gedenkstätte an allgemeinbildenden Schulen zur Pflicht zu machen, um junge Menschen diesbezüglich intensiver aufzuklären und wie oben beschriebene Szenen zu vermeiden. Bisher ist das nur in Bayern der Fall.


Mit dieser Frage befasst sich auch der Artikel „Holter gegen Pflichtbesuch für Schüler“ aus der TA vom 20.08.2018. Es gibt einige Stimmen, die einen Zwangsbesuch für sinnlos oder gar kontraproduktiv halten, so zum Beispiel Linke-Politiker und Bildungsminister von Thüringen Helmut Holter. Er sieht „Zwang als das falsche pädagogische Mittel“ und spricht sich dementsprechend gegen Pflichtbesuche aus. Bestätigen lässt sich diese Aussage zunächst damit, dass Zwang von Natur aus auf Gegenwind stößt. Bei vielen Jugendlichen, vorwiegend denen, die sich wenig bis gar nicht mit diesem Thema beschäftigt haben, würde eine solche Maßnahme unweigerlich zu einer Trotzreaktion führen. In gewisser Weise ist dies auch nachvollziehbar. Würde ich gezwungen werden irgendetwas anzuschauen oder zu tun, womit ich mich bis dato nicht beschäftigt habe und es auf Anhieb nicht interessant klingt, wäre ich auch nicht gerade erfreut und würde mich zunächst widersetzen. Eine weitere Gefahr liegt darin, dass eine Gedenkstätte nicht als solche begriffen wird, sondern dass so ein Besuch wie ein Wandertag abgehandelt wird oder dieser Ort nur als historischer Abenteuerspielplatz Beachtung erhält. Schließlich bringt es nichts, über das Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers zu laufen, ohne zu wissen, was dort damals warum geschah. Dabei kommen auch die Lehrer ins Spiel.
Wird der Unterricht nicht ausreichend aufbereitet und in diesem der Besuch umfangreich vorbereitet, bringt der Besuch einer Gedenkstätte rein gar nichts, denn leider kann ich aus meinem Freundeskreis berichten, dass dieses Thema in vielen Haushalten viel zu kurz kommt und bei vielen Jugendlichen somit kaum Basiswissen vorhanden ist.
Eine Gedenkstätte sollte nur mit nötigen Vorkenntnissen und dem nötigen Respekt besucht werden, denn sonst tut man sich selbst und den Opfern keinen Gefallen. Ein unmotivierter Lehrer kann diesen Besuch auf seiner To-Do-Liste wie Bier auf seinem Einkaufszettel für das Wochenende abhaken.
Ein weiteres Gegenargument kann die emotionale Beanspruchung für einige Schüler sein. Für viele Schüler kann es sehr schwer zu verarbeiten sein die Haare von auf bestialische Weise ermordeten Menschen aufgetürmt hinter einer Glasscheibe zu sehen oder Bilder von Leichenbergen anzuschauen. Auch für mich waren sechs Stunden Auschwitz sehr emotional und belastend, ich kann mir vorstellen, dass es für einige Schüler schon fast eine Qual ist, auf diese Weise die Ausmaße menschlichen Wahnsinns zu erfahren. Es wäre moralisch verwerflich solche Leute dazu zu zwingen sämtliche Impressionen von einem solchen Ort aufzusaugen. Zugegeben, es besteht nahezu immer die Möglichkeit gewisse Teile einer Führung auszulassen oder eine Pause einzulegen, aber häufig merkt man erst, dass es zu viel des Guten war, wenn es bereits zu spät ist. In diesem Fall, wenn man bereits vor der Glaswand, hinter der sich die Haare auftürmen, steht.
Wenn man über diese Situation nachdenkt, könnte man darüber diskutieren, ob es nicht doch genug ist dieses Thema ausführlich im Unterricht zu besprechen und den Hinweis auf eine Gedenkstätte zu geben und es doch bei der Freiwilligkeit für solche Besuche zu belassen. Auch Holter setzt auf Freiwilligkeit, denn seiner Meinung nach sollte man „...die Hürden für Exkursionen so niedrig wie möglich halten.“. Er befürwortet also den Besuch einer NS-Gedenkstätte durch junge Menschen durchaus, jedoch nicht unter dem Deckmantel des Zwangs. „Die Hürden so niedrig wie möglich halten“ kann man, indem man, wie bereits beschrieben, die Schüler zu diesem Thema hinführt und versucht, falls noch nicht vorhanden, das Interesse dafür zu wecken. Dies würde sich zum Beispiel durch Hausaufgaben in Form von Eigenrecherche zu sämtlichen Aspekten des Nationalsozialismus und des Holocaust realisieren lassen. Empfehlenswert ist es dabei regionalen Bezug herzustellen, da sich die Schüler damit unter Umständen besser identifizieren können, beispielsweise durch die Recherche über auf Stolpersteinen versehene Namen. Durch solch eine Recherche würden Schüler erkennen, dass sich das Grauen damals unmittelbar vor ihrer Haustür abgespielt hat und viele Holocaust-Opfer im selben Alter waren, in dem die Schüler heute sind.
Dadurch dürfte bei einem Großteil der Schüler Interesse geweckt und Pietät, Sensibilität und Verständnis gefördert werden. Die Anwendung von Zwang wäre vielleicht gar nicht mehr nötig. Allerdings nur vielleicht, denn es ist davon auszugehen, dass die oben dargestellte Maßnahme sehr vereinfacht ist und in gewissem Maße einem Wunschdenken gleicht, denn einige Schüler neigen dazu auch solche Aufgaben als lästigen Raub ihrer
Freizeit abzustempeln. Man könnte jetzt in ein Muster verfallen und sagen, dass Lernen in der Schule zum Teil sowieso auf Zwang basiert und dass man somit auch den Besuch einer NS-Gedenkstätte in dieses Schema packen könnte, doch das wäre genau das, was einen Besuch vollkommen nutzlos machen würde.
Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster ist derweil mit der Darstellung des Judentums in deutschen Schulen unzufrieden, wie er im Artikel „Holter gegen Pflichtbesuche für Schüler“ kundgibt. Er behauptet, es gäbe dort „zuweilen Bilder, die von antisemitischen Stereotypen geprägt sind und damit eher an den „Stürmer“ erinnern, als dass sie eine sachliche Darstellung bieten würden“. Diese Aussage empfinde ich als sehr überspitzt und nicht gerechtfertigt. Während meiner gesamten Schullaufbahn hatte ich nie das Gefühl, dass uns ein judenfeindliches Bild vermittelt wurde oder dass die Taten des NS-Regimes in irgendeiner Form verharmlost wurden. Somit finde ich den Vergleich mit dem „Stürmer“ völlig unangebracht. In einem Punkt stimme ich mit Schuster jedoch absolut überein und zwar, dass „das Thema Judentum nur sehr rudimentär aufgezeichnet wird“. „Judentum beschränke sich nicht auf die Zeit zwischen 1933 und 1945.“, wird in dem Artikel ausgeführt. Das kommt meiner Meinung nach in der Schule zu kurz. Schuster spricht sich für einen Pflichtbesuch einer KZ-Gedenkstätte aus, merkt aber auch an, wie ich bereits oben beschrieben habe, dass dieser Besuch „von Lehrern angemessen vor- und nachbereitet werden muss“. Mit dieser Forderung gehe ich ebenfalls absolut konform.
Gründe, eine KZ-Gedenkstätte zu besuchen gibt es jedenfalls viele. Angefangen damit, dass in der Schule sehr viel Wissen vermittelt wird, was der Normalbürger in seinem Leben niemals wieder braucht, über einen Besuch einer Gedenkstätte aber diskutiert wird. Ein Besuch, der für die Bildung beziehungsweise Weiterbildung des Weltbildes eines jungen Menschen essenziell sein kann, wird gegenüber dem Lernen des Ablaufes der Proteinbiosynthese hintenangestellt. Weiterstricken kann man dieses Argument, indem man darüber nachdenkt welche „unnötigen“ Wandertage/Exkursionen in der Schule durchgeführt werden. Wenn ich beispielsweise den Mehrwert eines Besuches in Auschwitz mit dem eines Besuches des Klärwerkes in Mihla vergleiche, dann kann man eigentlich nur zu dem Entschluss kommen, dass in der Bildungspolitik, zumindest in
solchen Fragen, falsche Prioritäten gesetzt werden. Wie ich vorhin bereits geschrieben habe, ist außerdem nicht jeder Jugendliche in der glücklichen Lage von seinen Eltern an dieses Thema herangeführt zu werden. Wo soll das sonst passieren, wenn nicht in der Schule? Natürlich kann man auf ein gewisses Maß Eigeninitiative hoffen, doch gewährleistet ist das nicht. Zwischen dem Hier und Jetzt und dem Nationalsozialismus ist historisch gesehen nur ein Wimpernschlag vergangen und dieses Thema/Problem scheint heute nach über 70 Jahren aktueller denn je zu werden. Betrachtet man die politische Entwicklung in unserem Land, ist es dringend von Nöten, dass sich jeder Jugendliche mit unserer Vergangenheit befasst. Und wie soll das besser umgesetzt werden, als durch den Besuch eines Ortes, an dem vor nicht allzu langer Zeit das Ausmaß menschlichen Hasses zugegen war? Denn an so einem Ort passiert das Entscheidende, das, was kein Schulbuch jemals schaffen wird. Sitzt man im Klassenraum, erscheint alles so weit weg, es geht einen nichts an. Die Wissensvermittlung ist sehr „trocken“ und für viele nicht greifbar. Begibt man sich auf das Gelände eines ehemaligen Konzentrationslagers, entwickelt sich Empathie gegenüber den Opfern des Holocaust. Vielen wird erst in solchen Momenten die
Wichtigkeit dieses Themas bewusst. Den sechs Millionen ermordeten Menschen müssen Gesichter und Geschichten gegeben werden. Hört man die Zahl der Opfer im Unterricht, ist das zwar erschreckend, aber oft nicht greifbar. Erst wenn man sich mit den einzelnen Schicksalen auseinandersetzt, erhält man einen tieferen Einblick in die damalige Zeit.
Sieht man die Unmengen an persönlichen Gegenständen, die zum Beispiel in Auschwitz ausgestellt sind, erkennt man, wie viele Leben und Generationen auf brutalste und sinnloseste Art ausgelöscht wurden. Es ist, als ob die Opfer an diesen Orten weiterleben und ihre Geschichte an die Nachwelt weitergeben. „Empathie“ ist das Schlüsselwort, ein entscheidender Grund dafür solche Orte zu besuchen. Erst wenn man Empathie entwickelt, lernt man aus der Vergangenheit. Wie ich bereits angedeutet habe, ist so ein Besuch emotional sehr belastend. Dies kann, wie ich oben bereits beschrieben habe, eine abschreckende Wirkung gegenüber solchen Orten bewirken. Auf der anderen Seite kann gerade das der entscheidende Grund für einen Besuch sein. Man kann sich dazu entscheiden weiter mit verschlossenen Augen durch die Welt zu gehen und nur das Schöne auf unserem Planeten wahrzunehmen, oder man öffnet seine Augen und erkennt, welche erschreckende Schattenseiten die menschliche Existenz hervorgebracht hat und generell bereit ist hervorzubringen.
Abschließend möchte ich sagen, dass ich den Besuch einer NS-Gedenkstätte in aller Regel für sehr sinnvoll und wichtig für die Entwicklung eines jungen Menschen halte. Ich bin definitiv davon überzeugt, dass dieser Teil unserer Geschichte bei jedem Menschen ins Bewusstsein rücken muss. Für mich gibt es keinen entscheidenden Grund eine NS-Gedenkstätte nicht zu besuchen, im Gegenteil, es gibt sehr viele Gründe, die dafürsprechen. Das einzige Problem sehe ich darin, dass immer das Potential da ist, dass einige Schüler nicht reif genug für so eine Exkursion sind. Doch wenn dieser Besuch im Unterricht umfangreich vor- und nachbereitet wird, sollte dieses Problem von der Bildfläche verschwinden. Wenn es gewährleistet ist, dass alle Schüler mit dem nötigen Ernst und Respekt zu einer NS-Gedenkstätte aufbrechen, sehe ich nichts, was gegen obligatorische Exkursionen dieser Form spricht, denn dieses Thema tangiert jeden Menschen in unserer Gesellschaft. Und selbst anfangs weniger begeisterte Schüler würden von so einem Besuch mehr mitnehmen, als von einem Besuch im Klärwerk Mihla. Hoffentlich schafft man es mit solchen Besuchen auch, dass das Thema Holocaust bei zukünftigen Generationen von Schülern verstärkt ins Bewusstsein rückt, sodass Shahak Shapira zukünftig kein neues Material für seine Aktion „Yolocaust“ verwerten muss.


(01/2019 Felix; Ek)

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